Woher kommen Gefühle?

Erschienen am 19 August 2014
gefuehle

Gefühle können ganz wunderbar sein! Wer erinnert sich nicht gerne und manchmal ein Leben lang daran zurück wie es war, das erste richtige Verliebtsein? Die rosa rote Brille..., die Schmetterlinge im Bauch..., der erste Kuss..? Oder das unfassbare Glück bei der Geburt eines Kindes? Die wohlige Aufregung vor der ersten längeren Auslandsreise alleine? Bei den Gedanken daran kann einem jetzt noch ganz warm werden.

Gefühle können aber auch etwas unangenehmes in uns auslösen. Uns manchmal sogar im Griff haben. Und das ist oft sehr tragisch. Menschen, die sich ihren Gefühlen ausgeliefert glauben, sich hilflos und ohnmächtig fühlen, bieten ihrem Körper den perfekten Nährboden für Depressionen oder ein Burnout. Sie machen sich zum Opfer anderer oder der äußeren Umstände und verlieren die Kontrolle. 

Jeder Mensch macht seine Gefühle selbst

Glücklicherweise haben diese Menschen jedoch Unrecht, wenn sie andere oder ihre Lage dafür verantwortlich machen, wie sie sich fühlen. Und das ist die gute und eine sehr wichtige Nachricht! In Wirklichkeit ist es so, dass jeder Mensch seine Gefühle selbst hervorruft. Nochmal: Es ist niemals der andere Schuld daran, dass es mir gut oder schlecht geht! Jeder Mensch macht seine Gefühle selbst und hat damit sein emotionales Befinden selbst in der Hand. Das ist leichter gesagt als wirklich verstanden und danach gelebt.

Hinter jedem unangenehmen Gefühl steckt ein unerfülltes Bedürfnis

Aussprüche wie: „Es ärgert mich, wenn mein Freund zu spät ist!“, „Ich bin traurig, weil du mich angelogen hast!", „Ich habe Angst, weil es dunkel ist", sind in unserer Kultur an der Tagesordnung.



Marshall Rosenberg, Begründer der Gewaltfreien Kommunikation (GFK), vergleicht Gefühle mit den Signallämpchen in einem Auto: Sie zeigen an, dass etwas anderes nicht in Ordnung ist. Was genau wird aber erst sichtbar, wenn man unter die Oberfläche schaut. Wenn das Benzin hinten im Tank nachgefüllt werden muss, leuchtet die Signallampe bei der Benzinstandanzeige auf, die sagt: Bitte tanken.

Er zieht eine unmittelbare Verbindung von Gefühlen und Bedürfnissen und stellt die These auf, dass hinter jedem Gefühl ein Bedürfnis steckt, das gerade sehr wohl erfüllt ist und damit ein angenehmes Gefühl auslöst.Oder eben auch überhaupt gar nicht erfüllt ist, was ein unangenehmes Gefühl hervorruft.

Das heißt, wenn mein Freund nicht zur verabredeten Zeit nach Hause kommt, ist wahrscheinlich mein Bedürfnis nach Wertschätzung oder Nähe gerade nicht gestillt. Und das ist der Grund für meinen Ärger. Nicht das Zuspätkommen des Freundes. Das kann allenfalls Auslöser für mein Gefühl sein. Oder wenn ich mich im Dunkeln ängstlich fühle, ist das weil ich mehr Sicherheit brauche. Und wenn ich angelogen werde, geht es mir bestimmt um Ehrlichkeit oder Authentizität.

Wenn also der andere höchstens Auslöser aber niemals die Ursache für mein Gefühl sein kann, heißt das weitergedacht, dass er auch gar nicht so viel Einfluss auf mich und meine Gefühlslage hat wie ich bisher dachte. Der Gedanke kann sehr befreiend sein! Aber auch etwas belastend. Denn es heißt nämlich auch im Umkehrschluss: Ich selbst trage die Verantwortung für meine Gefühle.

Und damit befinde ich mich bereits auf dem Lösungsweg

Das wunderbare an diesem Ansatz ist: Durch das Erkennen eines unerfüllten Bedürfnisses als Auslöser für mein unangenehmes Gefühl befinde ich mich bereits auf dem Lösungsweg. Ich muss mich nicht mehr mit belastenden Schuldfragen ('Du bist schuld!') oder Urteilen ('Du bist der unpünktlichste Mensch den ich kenne!') beschäftigen und Angriff (Selber!') oder Rückzug ('Stimmt, ich bin ein schlechter Mensch..') ernten, sondern brauche einfach nur nachforschen, was ich benötige, um dieses Bedürfnis zu stillen. Dann kann ich den Tank wieder füllen und das Lämpchen geht automatisch aus.

Bedürfnisse haben eine ganz besondere Eigenschaft: Sie wollen in erster Linie gehört werden. Manchmal reicht allein die Benennung dieses Bedürfnisses aus, damit es mir besser geht und ich wieder in Kontakt mit mir selbst bin.

Unbedingt ausprobierenswert!

Anregung:

Erinnern Sie sich an eine Situation in der Sie ein unangenehmes Gefühl hatten. Notieren Sie sie.
Nun schauen Sie nochmal genauer auf das Gefühl und benennen es konkret. War es Traurigkeit? Angst? Schock? Beklemmung? Unsicherheit? Langeweile? Hilflosigkeit? Frust?
Wie genau haben Sie sich gefühlt? Schreiben Sie es auf.
Und jetzt fragen Sie sich, welches Ihrer Bedürfnisse in diesem Moment gerade nicht erfüllt war und damit dieses Gefühl ausgelöst hat. War es Autonomie? Zugehörigkeit? Sicherheit? Spiritualität?

Formulierungshilfe: 'Ich habe mich __________________ gefühlt, weil ICH _______________ brauchte.'

Fortgeschrittene können dies 'just in time' beim Auftreten eines unangenehmen Gefühls durchspielen. Bitte nicht verzagen, wenn es manchmal Minuten, Stunden oder auch Tage dauert, bis Sie der Ursache auf den Grund gekommen sind. Es kann lange dauern, aber es lohnt sich! Wenn man sie dann gefunden hat, ist vieles plötzlich so klar! Und es es ist grundsätzlich immer gut zu wissen wie man selbst tickt ;)

Wenn Sie mehr dazu wissen oder üben wollen, können Sie mir eine persönliche Nachricht schicken oder zu einem meiner Workshops zum Thema 'Gewaltfreie Kommunikation' in Berlin kommen. Ich freue mich auf Sie!

Veranstaltungen:

Workshop Wertschätzende Kommunikation 1
Sich selbst offen ausdrücken – Worum geht es MIR eigentlich wirklich?
27. September oder 22. November 10 – 14 Uhr

Workshop Wertschätzende Kommunikation 2
Andere empathisch aufnehmen – Worum geht es DIR eigentlich wirklich?
29. November 10 – 14 Uhr

Bildquellenangabe: Bernd Kasper/ pixelio.de

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